Liechtensteins Nationalspieler Michele Polverino hat seine Profikarriere aufgegeben und kickt nun als Amateurspieler (derzeit verletzt) beim FC Balzers. Was neu auf ihn zukam, mit welchen Problemen er sich konfrontiert sah und weshalb er seine Entscheidung nicht bereut, verrät er im «Volksblatt»-Interview.

 

«Volksblatt»: Michele, nach 14 Jahren Profidasein spielst du nun in der vierthöchsten Schweizer Spielklasse beim FC Balzers. Entspricht der neue Platz deinen Vorstellungen?

Michele Polverino: (überlegt) Das ist eine schwierige Frage. Klar, ich bin mir vom Niveau her als Profi etwas anderes gewohnt. Trotzdem bin ich zufrieden hier in Balzers, zumal ich im Sommer kurz davor war, die Fussballschuhe ganz an den Nagel zu hängen.

Ganz aufhören? Das kann ich mir nach so einer langen Zeit nur schwer vorstellen.

Der Grund dafür war meine Familie. Ich wollte sie öfter sehen, was durch mein Engagement bei der SV Ried nur bedingt möglich war. Und auch der Druck und die Belastung des Profisports haben in den letzten Jahren an mir gezehrt.

Und doch hast du nun einen Weg gefunden, beides unter einen Hut zu bringen.

Ja, glücklicherweise. Der Fussball hat mich seit ich ein kleines Kind war stets begleitet. Der Gedanke, alles von jetzt auf gleich hinzuwerfen, war dann doch nicht ganz einfach. Dann kam eines zum anderen und ich bin beim Liechtensteiner Erstligisten in Balzers gelandet. Als Amateur kann ich die ganze «Fussballsache» nun etwas lockerer angehen und auch genügend Zeit mit meinen Liebsten verbringen.

In deiner Jugend hast du ja bereits in Liechtenstein beim FC Schaan gekickt. Hättest du gedacht, dass es dich nach so langer Zeit wieder zurück ins «Ländle» verschlägt?

Wenn ich darauf angesprochen worden wäre, hätte ich gesagt: «Ich denke eher nicht». Ich wusste im Sommer ehrlich gesagt nicht, was auf mich zukommt, auch weil ich einige Angebote von Vereinen vorliegen hatte. Letztlich habe ich mich aber bewusst für diesen Weg entschieden.

Einen Weg, den du nun im Nachhinein betrachtet wieder gehen würdest?

Auf jeden Fall! Ich bereue meine Entscheidung nicht. Wenn ich am Abend nach Hause komme und meine kleine Tochter und Freundin sehe, ist das einfach ein wunderschönes Gefühl.

In einem ausverkauften Stadion vor einer tollen Kulisse Fussball zu spielen, stelle ich mir aber auch ganz schön vor.

Da gebe ich dir vollkommen recht – sonst hätte ich es wohl kaum so lange gemacht. Aber ehrlich gesagt, gibt mir die Zeit mit meiner Familie viel mehr zurück, als als Fussballprofi in einem Stadion aufzulaufen.

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Ist die Leidenschaft auf dem Feld jetzt noch die gleiche wie davor?

Nur weil ich mich dazu entschlossen habe etwas kürzer zu treten, heisst das nicht, dass sich meine Einstellung gegenüber dem Fussball geändert hat. Der Ehrgeiz, auch mit dem FC Balzers erfolgreich zu sein, ist auf jeden Fall noch da. Es ist nicht so, dass ich mich hängen lasse und nur noch zum Spass «tschüttela».

Eine Einstellung, die deine Mitspieler sicherlich schätzen?

Ich muss sagen, dass ich von Anfang an gut in der Mannschaft aufgenommen wurde. Das hängt auch sicher mit meiner Erfahrung als Fussballspieler zusammen. Ich gehöre ja schon zur «älteren Generation». Wenn du als Profi in ein tieferklassiges Team kommst, schauen viele Spieler zu dir auf. Und obwohl das eine neue Situation für mich war, hat es mich zusätzlich motiviert.

Inwiefern?

Man ist eine Art Vorbild für die jungen Spieler. Dazu habe ich das Vertrauen von Trainer Mario Frick, den ich schon lange kenne. Auch dadurch ist die Anerkennung und der Respekt im Team grösser – das war in den letzten Jahren als Profi bisher immer so.

Mit deiner Karriere als Fussballer hast du bis vor Kurzem dein Geld verdient. Was machst du jetzt?

Nach dem Entschluss, zurückzukommen, war klar, dass ich mir einen Job suchen musste. Bis dato spielte sich mein Tag vorwiegend auf dem Fussballplatz ab. Nun arbeite ich im Büro als Versicherungsbroker.

Wieso hast du dich ausgerechnet für diesen Job entschieden?

Wichtig für mich war, dass ich weiterhin mit Leuten zu tun habe. Ein weiterer positiver Punkt ist, dass ich mir nach meiner halbjährigen Ausbildung den Arbeitsalltag selbst einteilen kann. Während ich derzeit noch im Büro bin, habe ich danach gewisse Freiheiten – das schätze ich sehr. Ich denke, als erste Arbeitsstelle ist das für mich wirklich ideal.

Du spielst ja nicht nur in Balzers. Daneben bist du auch Nationalspieler in Liechtenstein. Eine grosse Ehre?

Natürlich! Die Nationalmannschaft war auch ein Grund dafür, dass ich weiterhin spiele. Das hat mir schon immer Freude bereitet, egal ob als Profi oder nun als Amateur.

Wir werden also noch länger sehen, wie du Liechtensteins Farben auf dem Feld vertreten wirst?

Das hoffe ich auf jeden Fall. Solange mein Körper das mitmacht, will ich Fussball spielen – denn nach so vielen Jahren glaube ich einfach, dass mir sonst etwas fehlt im Leben. Leider habe ich mich nun in der Vorbereitung verletzt (Zerrung Kreuzband, Miniskus und Innenband, d. Red.) und werde mehrere Wochen ausfallen. Ich hoffe, dass ich bald zurückkomme und bis zum Länderspiel gegen Mazedonien (24. März) wieder fit bin.

 

Fotos: Michael Zanghellini