Sport war schon immer Romana Kaisers grosse Leidenschaft. Vor fünf Jahren setzte die Liechtensteinerin dann alles auf die Karte Eiskunstlauf. Ein Entscheid, der ihr zwar nicht leicht viel, aber im Nachhinein betrachtet der richtige war. Eine Begegnung mit einer jungen, talentierten Sportlerin, die um ihren Traum zu verwirklichen keine Mühen scheut.

 

Es ist kalt – eisig kalt. Dick eingepackt drückt der Fotograf ein letztes Mal ab, um die grazilen Bewegungen von Eiskunstläuferin Romana Kaiser abzulichten. Das grelle Blitzlicht auf dem kleinen, runden Eisplatz etwas Abseits des Feldkircher Stadtzentrums verblasst. Geschafft – die Fotos sind im Kasten. Romana Kaiser geht vom Eis. Sie lächelt, reibt die Hände aneinander und klopft sich dazwischen immer wieder auf Beine und Schultern. Anstatt in einer dicken, wärmenden Jacke steht sie da in ihrem hellblauen, mit unzähligen glitzernden Steinchen bestückten Kleidchen.

 

Am Sport festgehalten

Kurz darauf nimmt die 19-Jährige in der etwas veralteten, aber glücklicherweise beheizten, Umkleidekabine Platz. Auf der Suche nach der idealen Sitzposition hüpfen ihre zu einem Zopf zusammengebundenen Haare auf ihrer Schulter hin und her. Sie lächelt dabei. Das Licht in der Kabine wirkt kalt, dennoch vermitteln die dunkelbraunen Holzbänke und die hellbeigen Keramikplatten an den Wänden ein heimeliges Gefühl. Schlicht und einfach ist es hier – ohne grosse Schnörkel. Seit etlichen Jahren gehören diese Räumlichkeiten zu ihrem Alltag. «Mit drei Jahren stand ich das erste Mal auf dem Eis – mit sieben war ich dann Mitglied in einem Club», erzählt sie. Ihre Mutter sei neben einer Eishalle in Uzwil aufgewachsen und habe keine Gelegenheit ausgelassen, sie aufs Eis zu stellen. Immer mit dabei waren auch ihre beiden Schwestern, die aber mittlerweile nur noch gelegentlich auf der Eisfläche anzutreffen sind.

 

Romana Kaiser allerdings, hat am Sport festgehalten, läuft mittlerweile auf der höchsten internationalen Stufe und «geniesst jeden Schritt auf dem Eis», wie sie meint. Dabei stand ihre Karriere als Eiskunstläuferin vor knapp fünf Jahren sogar auf der Kippe. Denn neben dem Eiskunstlaufen gab es für die Schellenbergerin damals eine noch grössere Leidenschaft: Das Kunstturnen. Bereits in der Primarschule habe sie sehr intensiv trainiert, stand fast zwölf Stunden in der Woche in der Halle. «Die Entscheidung, alles auf die Karte Eiskunstlauf zu setzen, ist mir nicht leicht gefallen», blickt sie etwas wehmütig zurück. Da für eine erfolgreiche Zukunft im Kunstturnen die Infrastruktur in Liechtenstein einfach nicht ausreichte, entschied sich Kaiser letztlich für das Eislaufen. «Ich bereue meine Entscheidung bis heute nicht», fügt sie an.

 

 

Kunstturnen vs. Eiskunstlaufen

Das Eiskunstlaufen spielte für Kaiser schon immer eine ganz zentrale Rolle. Doch nachdem sie im Juni dieses Jahres ihre Matura erfolgreich abschliessen konnte, erlangte der Sport einen noch grösseren Stellenwert in ihrem Leben. «Ich kann mich seither voll und ganz auf das Training konzentrieren», meint sie etwas erleichtert. Denn die Zeit davor, in der sie Sport und Schule unter einen Hut bringen musste, hatte es in sich. «Wenn ich wegen Trainings oder Wettkämpfen fehlte, musste ich immer alles nachholen. Das war schon sehr intensiv», hält sie fest und seufzt dabei. Sie ist froh darüber, diese Hürde nun gemeistert zu haben. Dennoch blickt sie gerne zurück. «Da gab es schon einige Highlights», meint Kaiser mit einem Strahlen in ihren braunen Augen.

Besonders auf die drei in einem Jahr absolvierten SEV-Tests (Silber I, Silber II, Intergold), die zu einem Start bei höheren Wettkämpfen benötigt werden, ist die mehrfache Liechtensteiner Landesmeisterin mächtig stolz. «Dass macht praktisch niemand», fügt sie selbstsicher an. Und auch über das European Youth Olympic Festival (EYOF) 2013, wo sie Liechtensteins Delegation an der Eröffnungfeier als Fahnenträgerin begleitete, spricht sie gerne. Es war ihr erster Einsatz überhaupt auf der internationalen Bühne. «Es war alles neu und ich habe eine super Leistung gezeigt – das war wirklich der Hammer.» Unvergessen bleibt für sie natürlich auch der erste Top-10-Platz für Liechtenstein, den sich Kaiser 2015 beim Cup of Tyrol sicherte. Das alles waren kleine Meilensteine auf den Weg nach oben. Seit einigen Monaten läuft Kaiser nun auf der höchsten internationalen Stufe. Ein Schritt, den die Athletin gar nicht so richtig wahrgenommen habe. «Da ich durch die Trainings ja auch Fortschritte gemacht habe, war der Sprung in die Elitekategorie gar nicht so eine grosse Umstellung.»

 

«Es war keine schöne Zeit»

Dass eine Karriere allerdings nicht immer nur von positiven Erlebnissen geprägt ist, musste die Eiskunstläuferin aus dem Fürstentum im Sommer 2013 am eigenen Leib erfahren. Eine Knieverletzung – ein Knorpel hatte sich gelöst und musste herausoperiert werden – setzte sie für ein halbes Jahr ausser Gefecht. «Es war wirklich keine schöne Zeit. Vor allem stand die Frage im Raum, ob ich mit dem Spitzensport überhaupt noch weitermachen kann.» Es ist ihr anzumerken, dass sie sich nicht gerne an diese Zeit zurückerinnert. Im 10-Sekunden-Takt wechselt sie ihre Sitzposition. Auch ihr Gesichtsausdruck wirkt für einmal etwas ernster. An Motivation fehlte es Romana Kaiser nicht. Sie kämpfte sich zurück, scheute keine Mühen, biss sich durch und kann nun ihren Traum weiterträumen. «Am Anfang hatte ich kurz Zweifel, doch dann kam der Moment, wo ich dachte: ‹Jetzt erst recht!›.» Im Nachhinein betrachte sie die Verletzung als etwas Gutes, denn sie habe ihr aufgezeigt, wie schnell alles vorbei sein könne. «Seither, habe ich das Gefühl, dass ich mit noch mehr Herzblut dabei bin.»

 

 

Zählen konnte Kaiser in dieser nicht gerade einfachen Zeit auch auf ihre Trainerin Elena Romanova. Seit fünf Jahren arbeitet Kaiser nun schon mit der aus der Ukraine stammenden Eislauftrainerin zusammen. «Wir sind ein gutes Team und die Zusammenarbeit in den letzten Jahren lief wirklich gut. Romana hat sehr schnell Fortschritte erzielt und ist auf einem guten Weg», so Romanova. Dass die beiden gut harmonieren, zeigte sich bereits kurz nach Beginn des gemeinsamen Trainings. «Ich kam bei meinen alten Trainern nicht mehr weiter und bei Elena hat es dann einfach Klick gemacht – sie ist wirklich eine gute Trainerin», freut sich Kaiser.

 

 

Die Familie als starke Stütze

Die junge Nachwuchssportlerin nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie über ihre künftigen Ziele spricht. Neben internationalen Wettkämpfen sei die Teilnahme an einer Europameisterschaft der nächste Meilenstein. «Ich habe da die Punktelimite schon fast erreicht, es fehlt nicht mehr viel.» Dass für Kaiser natürlich auch eine Teilnahme an einer Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen ein absoluter Traum wäre, steht ausser Frage: «Klar möchte ich das irgendwann erreichen, aber dafür lasse ich mir genügend Zeit. Wichtig ist jetzt, dass ich im Training weiterkomme», gibt sich Kaiser eher zurückhaltend. Ähnlich sieht das auch ihre Trainerin Romanova: «Wir arbeiten da Schritt für Schritt und schauen einfach, wie es weitergeht. Aber natürlich ist es irgendwann das Ziel, bei den ganz grossen Wettkämpfen regelmässig dabei zu sein.»

 

Auch wenn sich die beiden in diesem Punkt einig sind, würde sich Kaiser in einem anderen Bereich etwas mehr Initiative ihrer Trainerin wünschen. «Leider sind meine Familie und ich, was das Organisatorische angeht, sprich die Anmeldung für Wettkämpfe, Choreografie, Kleider und Musik auf uns alleine gestellt.» Das sei dann noch eine zusätzliche Belastung. «Aber man kann halt nicht immer alles haben», scherzt sie. Dass Romana Kaiser bei dem grossen Aufwand auch auf die tatkräftige Unterstützung ihrer Familie zählen kann, schätzt sie sehr. Derzeit steht die 19-jährige Schellenbergerin nämlich täglich zwei Stunden auf dem Eis.

 

 

Dazu kommen Balett- und Tanzstunden sowie sonstige sportliche Aktivitäten. «Allzu viel Freizeit habe ich auch jetzt nach der Matura nicht – da muss ich mich bei meinen Eltern bedanken, die sich wirklich sehr für mich einsetzen.» Ihr Vater, Patrick Kaiser, ist Präsident des Liechtensteinischen Eiskunstlaufverbandes und legt sich seit einigen Jahren für diese Randsportart in Liechtenstein mächtig ins Zeug. 2014 wurde der Verband offiziell von der International Skating Union (ISU) aufgenommen. «Mein Vater, aber auch alle Verbandsmitglieder, hängen sich wirklich voll rein und haben dafür gesorgt, dass das Eiskunstlaufen in Liechtenstein bekannter geworden ist», so Kaiser.

 

«Studieren kann ich auch später»

Doch nicht nur organisatorisch wird Romana Kaiser und ihre Familie immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Auch die Finanzierung des Sports stellt eine weitere Hürde dar. Private Trainingsstunden, Ballett, Tanzen, Konditionstraining, Reisen, Kleider, Schlittschuhe – das alles sind Sachen, die es nicht umsonst gibt. Neben finanzieller Unterstützung von einer Stiftung und dem Liechtenstein Olympic Committee (LOC) erhält Kaiser regelmässig auch Gönnerbeiträge. Die Kosten seien damit aber bei weitem nicht gedeckt. «Wir sind immer auf der Suche nach Sponsoren, klar. Aber das ist nicht einfach. Und um beim Eiskunstlaufen Geld zu verdienen, bin ich noch zu weit weg von der Spitze», weiss Kaiser. Immerhin: Einen Auto, um selbst in die Trainings nach Feldkirch zu kommen, wurde ihr von Renault für ein Jahr zur Verfügung gestellt.

 

Die Unterländerin macht auch keinen Hehl daraus, dass ihre Zukunft als Eiskunstläuferin von Sponsoren abhängig sein wird. «Vorerst will ich mich jetzt ein oder zwei Jahre voll auf den Sport konzentrieren», erklärt sie. Wie es danach weitergeht, liess sie offen. Auch ein Studium will Kaiser nicht ausschliessen. «Sport muss man machen wenn man jung ist, studieren kann ich auch noch später», meint sie.

 

Draussen ist es mittlerweile dunkel geworden – die Temperaturen dürften unter den Gefrierpunkt gefallen sein. Romana Kaiser beendet ihren letzten Satz, atmet einmal tief durch und lehnt sich auf der alten Holzbank entspannt zurück. Sie lächelt. Es ist bemerkenswert mit welcher Leidenschaft, Motivation und welchem Ehrgeiz die junge Liechtensteiner Eiskunstläuferin ihrem Traum nach geht. Kurz darauf klopft sie sich noch einmal auf die Beine, steht auf und packt ihre Sachen zusammen. Ich verabschiede mich und verlasse die warme Umkleidekabine. Raus geht’s an die Kälte – die eisige Kälte.

Fotos von Michael Zanghellini